Nele - Mein Weg aus dem Chaos

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Mein Weg aus dem Chaos

Ich war nie sehr ordentlich. Staub, dreckige Fenster oder mal ein Fleck auf dem Boden konnte ich immer gut übersehen. Immer wieder kamen Phasen, in denen ich das Saubermachen sehr vernachlässigte und es schlimm wurde. Manchmal hatte ich Hilfe und manchmal kam ich da allein raus, aber eine Routine oder selbstverständlich war Saubermachen nie für mich. Immer wieder machte ich in Hauruck-Aktionen die Wohnung in wenigen Tagen begehbar, aber Struktur bekam ich nie hin, da ich die Sachen, die ich noch aufheben wollte von einer Ecke in die andere schob.

Ich habe die Macke, alles aufzuheben, da man es ja später, irgendwann mal brauchen könnte. Für alles könnte es eine Verwendung geben und deshalb muss ich es aufheben, damit ich es später habe. Tatsache ist allerdings, dass ich die meisten Dinge nie brauche und wenn ich sie brauche, sie in meinem Chaos nie fand. Ich hatte höchstens eine leise Ahnung wo sie sich befinden könnten.

Vor ca. 1,5  Jahren wurde es dann ganz schlimm. Begleitet von einer Depression wurde fast gar nicht mehr sauber gemacht. Alles stapelte sich. Auf den Tischen lagen alte Tüten von Chips und ähnlichem, den Boden sah ich fast nicht mehr, überall Papiermüll und Sachen, die auf den Boden gefallen waren. Alles wurde da liegen gelassen, wo ich es hinlegte oder wo es hin fiel. Wenn der Berg auf meinem Couchtisch mir die Sicht auf den Fernseher versperrte, räumte ich ihn ein bisschen weg, aber mehr passierte nicht. Wenn der Mülleimer am überlaufen war, wurde der auch mal weggebracht, aber bald darauf war er wieder voll und es dauerte Tage bis ich ihn wieder leerte. Den Boden hab ich mindestens ein Jahr nicht mehr geputzt. Von der Küche will ich erst gar nicht anfangen und im Schlafzimmer gab es einen Trampelpfad zu meinem Bett.

Immer wenn ich mir mein Chaos ansah, wurde mir ganz schlecht. Monatelang habe ich gar nicht richtig hingeschaut, da ich keine Ahnung hatte wie ich das alles bewältigen sollte. Das Gefühl von Ohnmacht beherrschte mich und deprimierte mich noch mehr. Freunde und Bekannte kamen schon lange nicht mehr und ich hätte auch keinen rein gelassen. Und um vor unangemeldetem Besuch sicher zu sein, hatte ich die Klingel abgestellt. Ich igelte mich ein und wurde immer mutloser. Niemand hatte auch nur die leiseste Ahnung wie es bei mir aussah. Weder in meiner Wohnung noch in mir.

Dann kam der Punkt an dem ich merkte: so kann und darf es nicht weitergehen! Ich muss und will etwas verändern. Also suchte ich im Internet unter Depressionen und Messie. Und ich fand Klara Putzich und ein Licht am Ende des Tunnels erschien. Da waren Menschen, die das selbe Problem wie ich hatten.
Ich war nicht mehr allein!

Erst hab ich viel im Forum gelesen und mich zunächst gar nicht getraut, mich anzumelden. Aber dann kam der 4. Januar 2008 und das Wunder begann. Ich hab mich angemeldet und mich meinem Chaos gestellt. Ich habe aufgelistet, wie meine Wohnung aussieht und was alles gemacht werden muss. Erst einmal war ich erschlagen von diesem Berg. Wo anfangen und wie? Ich war wie gelähmt. Aber das Schreiben im Forum hat mich sehr motiviert und mir geholfen, mich meinen Gefühlen und Blockaden zu stellen. Zudem war die Unterstützung der anderen Forumsmitglieder wirklich toll. Über jeden kleinen Fortschritt wurde sich mit mir gefreut und ich wurde getröstet, wenn es mal nicht so klappte. Dadurch, dass ich immer aufgeschrieben habe, was ich schon geschafft hatte, konnte ich mich besser motivieren weiter zu machen. Ich neige, wie viele, dazu, das zu sehen was ich nicht gemacht habe oder was ich nicht kann. Im Forum konnte ich immer wieder nachlesen, was ich alles schon gemacht hatte und den Fortschritt in meiner Wohnung viel bewusster sehen.

Immer wieder überfiel mich die Ohnmacht und Verzweiflung. Wie soll ich das nur alles bewältigen? Schließlich gab es in meiner Wohnung zu Anfang keinen sauberen Platz. Alles war mit irgendwelchen Sachen belegt. Es war ja nicht so, dass ich einfach beschlossen hatte aufzuräumen und dann fluppte es. Nein, immer wieder kamen Zeiten, in denen ich blockiert war und ich mich nicht aufraffen konnte irgendetwas zu tun. Ich sah nur den riesigen Berg, der vor mir lag. Und immer wieder dieses Gefühl, das ich das nie geregelt bekomme und es sowieso sinnlos ist. Aber ich war ja nicht mehr allein. Jeden Tag schrieb ich im Forum. Ob es gut gelaufen war oder meine Verzweiflung gesiegt hatte. Ich wurde mir meiner Gefühle bewusster, die ich hatte, wenn ich ans Räumen ging.

Wenn ich eine Baustelle angefangen hatte, wurde es leichter. Ich verabschiedete mich von dem perfekten Plan zum Aufräumen und fing einfach an. Müll in den Sack, eine Kiste zum Verschenken und eine Kiste zum Behalten. Die Kapazitäten meiner Mülltonne und die meiner Nachbarn wurden zu dieser Zeit sehr strapaziert. Bei meinen Klamotten war es ganz schlimm. Viele Sachen hatte ich von meiner Mutter und es fiel mir sehr schwer sie herzugeben. Aber ich habe mich dann doch entschlossen, rigoros auszusortieren und alle Sachen, die ich schon teilweise Jahre nicht mehr angezogen hatte wegzugeben. Im Nachhinein ist mir auch klar, wieso ich es nie geschafft habe Ordnung in meine Kleider zu bringen und sie in die Schubladen und Schränke zu sortieren. Ich habe 5 große Müllsäcke mit Kleidern aussortiert und trotzdem sind meine Schubladen jetzt bis obenhin voll. Für den Rest war einfach kein Platz mehr. Das ich diesen Berg an Kleidung überhaupt bewältigt habe, liegt vor allem daran, das ich ihn nicht an einem Stück angegangen bin sondern Stück für Stück. Vorgenommen hatte ich mir jeden Tag 10 Kleidungstücke zu sortieren. Das dauerte höchstens 10 Minuten und ich konnte mich freuen über eine erledigte Aufgabe.

Genau so habe ich meine restlich Wohnung aufgeteilt, in kleine Häppchen, die für mich zu bewältigen waren und vor allem bei mir keine Ohnmacht oder Verzweiflung auslöste. Wenn das dann doch geschah, waren die Menschen im Forum da, die mich unterstützten, die mir Mut machten oder die mir einfach sagten, das der Brocken, den ich mir da vorgenommen hatte wohl zu groß war und ich ihn kleiner machen muss.

Ich werde das glückliche Gefühl nie vergessen, das ich hatte, als meine Küche blitzeblank war. Der erste Raum in meiner Wohnung, der wieder sauber wurde. Ich stand da und konnte es kaum fassen. Ich habe mir Einmalpantoffel aus einem Hotel hingestellt, damit ich den Dreck nicht aus meiner Wohnung in die Küche schleppe. Es war so schön wieder einen sauberen Raum in der Wohnung zu haben. Und was ganz wichtig für mich war - ich hatte es alleine geschafft! Ich hatte geputzt und geschrubbt, weggeworfen und gespült. Es war mein Verdienst, dass es so ordentlich aussah. Zum erstenmal seit langer Zeit war ich stolz auf mich. Bei den Hauruck-Aktionen vorher war das nie so. Ich war dann immer deprimiert weil ich es alleine nicht geschafft hatte und die Sauberkeit hielt auch nie lange an.

Und so ging es dann durch jeden Raum. Manchmal schneller, manchmal langsamer, aber immer einen Schritt vorwärts. Seit dem 15. Februar ist nun meine Wohnung sauber. Die Routinearbeiten werden selbstverständlicher, auch wenn ich noch ein klein wenig nachhelfen muss. Immer noch habe ich einen Wochenplan, in dem ich alles aufliste, was ich die Woche über erledigen will. Da sind auch eigentliche Selbstverständlichkeiten wie Staubsaugen, Wischen, Wäsche waschen und aufhängen oder bügeln drin. Aber jede Woche wird auch was anderes erledigt, wie Schränke ausmisten, Türen abwischen und die Kisten, die ich zum behalten weggestellt habe, müssen auch noch sortiert und der Inhalt weggeräumt werden oder vielleicht sogar weggeworfen? Jetzt will ich mir eine Routine erarbeiten. Ich will, das es zur Gewohnheit wird immer ein wenig im Haushalt zu machen. Zeitungen und Werbung, die in meinem Briefkasten landen, werden schon sofort in den Papiermüll entsorgt. Während ich morgens warte, dass das Teewasser kocht, wird die Spüle und der Herd saubergemacht. Wenn der Tee dann zieht, ist die Glasplatte vom Couchtisch dran. So kann sich erst gar kein Dreck festsetzen. In meinem Wohnzimmer steht ein Mülleimer, damit ich Abfall nicht einzeln wegbringen muss. Der wird allerdings täglich in den großen in der Küche geleert.

Nun reift in mir langsam die Zuversicht, das ich das schaffen kann. Dieses Gefühl ist noch ein ganz zartes Pflänzchen, das sorgsam gehegt und gepflegt werden muss. Immer wieder mache ich mir ganz deutlich bewusst, was ich schon alles geschafft habe, wie ich mit der moralischen Unterstützung der Forumsmitglieder meine Wohnung wieder zu einem Heim gemacht habe. Noch hab ich nicht wirklich das Gefühl alles im Griff zu haben. Aber mit ein wenig Arbeit an mir und der Unterstützung aus dem Forum wird sich das auch einstellen und es wird hoffentlich nie mehr ein Chaos wie am Anfang entstehen.

 

© 2008 - heute auf den Text: Nele    (Forummitglied)