Gummiböötchen - Mein Leben im Müll und der Weg dort raus

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Meine Wohnung war immer leidlich sauber, ich hatte nie einen extremen Ordnungs- und Putzfimmel, man durfte bei mir gern sehen, dass ich die Wohnung nicht nur für Besuch herrichtete, sondern auch selbst darin lebte. Bei machte sich keiner schmutzig, Bazillen trieben sich auch nirgendwo herum.

Irgendwann ging es bei mir bergab, ich hatte arbeits- und pflegebedingt keine Zeit mehr für mich und meine Wohnung, ich stellte nur noch ab, wusch, schmiss in den Trockner, brachte weg, fuhr davon und kam zum Schlafen wieder.
Es türmte sich mit der Zeit und ich nahm mir fest vor, wenn der ganze Arbeitsaufwand vorbei ist, dann nehme ich mir meine Wohnung gründlich vor. Der Zeitpunkt kam, die Pflege war vorbei, auch wenn der Grund ein trauriger war, da durfte ich erst einmal auf der Arbeit einiges nachholen, da waren wieder Überstunden in Mengen angesagt. OK, sagte ich mir, auch das ist einmal wieder aufgeholt, und dann legst Du richtig los.
In der Zwischenzeit lebte ich einfach drauf los, kümmerte mich um gar nichts mehr, die Berge wurden immer größer. Als die Küche voll war, fing ich im Wohnzimmer an, als das voll war, ging ich zum Schlafzimmer über. Überall lag Müll, ich war gar nicht mehr in der Lage, ihn zu beseitigen. Ich war nur noch müde, war zu nichts mehr fähig. Auf meiner Couch war eine Stelle frei, auf der ich sitzen konnte, links und rechts von mir waren Berge aus ungeöffneter Post, sonstigen abgelegten Dingen und - MÜLL!
Ich aß auf der Couch, die Teller blieben stehen, oder wenn ich mir etwas vom Schnellimbiss holte, kochen ging ja nicht mehr, diese Papiere und Teller blieben auch dort an Ort und Stelle. Banane gegessen, die Schale achtlos zur Seite gelegt, Apfel das selbe. Die nächsten Sachen oben drauf gelegt. Irgendwann waren die Stapel zu groß, die Dinge breiteten sich auf dem Fußboden aus, ich ließ sie liegen, war zu müde und energielos, um etwas dagegen zu unternehmen. Dann war der Fußboden komplett bedeckt, bei jedem Schritt knackte irgendetwas, ich war nicht in der Lage, mich zu bücken und nachzusehen, was passiert war. Lebensmittel im Kühlschrank verdarben.

Irgendwann gab es ein paar Tage, da konnte ich fast pünktlich von der Arbeit nach Hause kommen. Das Wetter war schön, ich plante schon die ersten Schritte für das Aufräumen auf dem Weg nach Hause. Ich kaufte auf dem Nachhauseweg ein, auch ein paar hübsche Sachen für meine Wohnung. Als ich die Tür aufmachte, überkam mich das ganze Elend, ich wurde kraft- und hilflos bei dem Anblick, mir wurde übel, und ich resignierte. Ich setzte mich wieder mitten in den Müll, heulte Rotz und Wasser, legte mich in mein zugemülltes Bett und setzte alle Hoffnungen auf den nächsten Tag. So ging es über Wochen und Monate, schließlich wurde ein Jahr daraus.
Einladen konnte ich ja schon lange keinen mehr, und weggehen um andere Leute zu besuchen, verbot ich mir, bis ich mit meiner Wohnung fertig war. Fazit, die Freunde blieben irgendwann ganz weg.
Angesehen hat mir dieses Elend auch keiner, ich verließ die Wohnung immer wie aus dem Ei gepellt, frisch frisiert und geschminkt.

Vor ein paar Monaten bekam ich meinen Internetanschluss und sah mich um in der für mich so fremden Welt. Auf der Arbeit arbeitete ich ja auch mit dem Internet, aber dass es private Seiten gab, war für mich etwas völlig Neues. Ich fing an, gezielt nach Seiten über mein Problem zu suchen, fand ein paar Bücher. Diese kaufte ich, las sie gründlich durch, und konnte trotzdem nicht den Anfang finden. Es stand doch alles da, nur nicht wie ich anfangen sollte. Ich surfte weiter, fand ein paar schöne Seiten, bewunderte die Seiten und ihre Ersteller, las die Gästebücher. Eines Tages fand ich einen Eintrag von einer Klara Putzich, den Namen fand ich witzig und sah nach, was sie denn für eine Seite hatte.

BINGO!!! Da war sie - die Antwort, nach der ich so lange gesucht hatte. Ich las durch, was es schon zu lesen gab und mir wurde mit einem Mal richtig klar, dass ich ein Messie bin. Und ich las auch, dass man nicht von heute auf morgen aus dem Schlamassel heraus kommt, das geht nur Schritt für Schritt. Also habe ich mich hier im Forum angemeldet, Müllsäcke besorgt und meine ganze Wohnung entmüllt.
Diese Aktion werde ich ganz bestimmt nie mehr vergessen, ich habe mich mehrfach fast übergeben beim Anblick all der "schönen" Pilzkulturen, der durch Mülleinwirkung vergammelten anderen Dinge. Einige schöne Sachen, die ich mir zum Verschönern meiner Wohnung gekauft hatte, waren zerbrochen, ich bin draufgetreten, weil ich sie ja nicht mehr sah unter den Bergen. Ich saß mitten in meinen Müllbergen und habe laut geheult vor Wut und Verzweiflung über mich. 10 Säcke Müll habe ich rausgetragen! Danach ging es mir schon um einiges besser. Ich öffnete die Fenster, auf einmal roch ich auch das Übel, vorher nahm ich das gar nicht so wahr.

Seit dem 13.11.06 ist meine Wohnung müllfrei, bis auf das, was normal in jedem Haushalt anfällt, und ich werde alles dransetzen, diesen Zustand so zu erhalten, ich möchte nie mehr dorthin zurück, wo ich war. Für jeden kleinsten Fitzel laufe ich jetzt zum Müllbehälter, egal wie oft ich diesen Weg auch im Laufe des Tages laufen muss.

Ich habe meine Müllgeschichte für Klara Putzich zur Veröffentlichung geschrieben. Ich möchte, dass noch mehr Menschen sehen, dass sie kein Einzelfall sind, dass es noch vielen anderen so geht wie ihnen. Und dass es hier richtige Hilfe gibt, in Form von guten Ratschlägen, Anfeuerungen zum Durchhalten und Trost, wenn mal nicht alles so lief wie geplant.

Gebt bitte nicht den Mut auf! Es gibt immer einen Ausweg! Der erste Schritt kostet noch Überwindung, der zweite folgt dann fast automatisch.

© 2006 - heute auf den Text: Gummiböötchen    (Forummitglied)